The pianist Alfred Reisenauer (1863-1907)

Most of the reminiscences about the pianist Alfred Reisenauer (1863-1907) tell stories of drunken antics on stage. An entirely different picture emerges in this obituary: that of an urbane, cultured artist and teacher. Eugen Konold’s tribute to his teacher is eloquent and detailed.1Neue Musik-Zeitung 29 (1908): 36-38. Reisenauer is described as a performer who not only had incredible technical abilities, but was also a “tone poet” who brought his comprehensive knowledge of the piano literature to bear on his interpretation of a piece. As a teacher, Reisenauer showed his students how to analyze a work both in terms of its form and its poetic meaning. Konold also testifies to his teacher’s deep love of world literature and the way he could be witty and musically inspired when among his friends.
The only sections of this long obituary that are not included here are the brief introduction, a discussion of Reisenauer’s understanding of Brahms, and the biographical information that can be found in multiple sources.

Characterization of his playing
….Wenn man von dem Klavierspieler Reisenauer spricht, so denkt man zuerst an den Tonpoeten, der als reproduzierender Künstler eine so eminent nachschöpferische Kraft entwickelte, daß wir die musikalischen Gebilde vor uns erstehen und sich entfalten sahen, wie wenn wir das innere Schaffen des selbstschöpferischen Künstlers unmittelbar belauschten. Der Ausdruck der tiefsten Innerlichkeit war es, der seinem Spiel etwas Erlebtes, Höchstpersönliches, also Subjektives ausprägte, während anderseits die Großzügigikeit seines Gestaltens, sein geläuterter Geschmack und sein durch umfassende Kenntnis und Beherrschung der gesamten Literatur erworbener Sinn für das Stilistische einen Ausgleich nach der objektiven Seite hin bewirkten, der ihn zu einem der universalsten Klavierspieler aller Zeiten machte. Sein in besten Sinn des Wortes bravourmäßiges Spiel war von geradezu hinreißender Wirkung. Er spielte nicht in sich hinein, wie etwa Ansorge, oder manchmal auch Lamond, sondern aus sich heraus und vermochte das Publikum förmlich unter einen Bann zu zwingen. Sein pastoser Ton war jeder Schattierung fähig. Er besaß die Kunst der Farbengebung in einem Maße, wie außer ihm vielleicht nur noch Busoni. Dazu kamen Kraft und Energie in der Beherrschung des Rhythmischen, so daß seiner Kunst etwas Überlegenes, ja Souveränes verliehen wurde. Die Weite seines Horizontes zeigte sich in der Aufstellung seiner Programme, die, in der Zusammenstellung stets vom besten Geschmack diktiert, die gesamte Klavierliteratur umfaßten.
(Description of why Reisenauer did not play Brahms for a long time, omitted here.)

…Groß in der Interpretation aller Meister hatte er Schumann- und Liszt-Spieler nicht seinesgleichen. Für Liszt erschien er durch das Glänzende und auch äußerlich Blendende seines Spiels geradezu prädestiniert, während der phantastische Zug, der durch die Werke des Romantikers Schumann geht, eine wesensverwandte Saite in ihm erklingen ließ, die dem schwermütigen Reiz so mancher Tonstücke dieses Meisters zu ergreifendem Ausdruck in Reisenauers Spiel verhalf. Er kultivierte namentlich auch Weber, Mendelssohn und Schubert. Ein gewisser Epikurismus, der auch in seinem Leben hervortrat und seiner Lebens- und Weltanschauung etwas Heiteres, ich möchte fast sagen Hellenisches, gab, ließ ihn zum Beispiel Schuberts Tanzweisen mit einer naiven Frische des Empfindens, einer Bejahung der Lebensfreude wiedergeben, die diese anspruchslosen und doch so unendlich liebenswürdigen Gebilde im Lichte einer neuen Offenbarung zeigte und uns gewissermaßen neu schenkte. Wenn er seine zwei Leibkonzerte spielte, die beiden in Es Dur von Beethoven und Liszt, schien es, als wären diese Werke besonders für ihn geschrieben. Sie kamen seiner Natur und seinem Temperament so entgegen, daß seine Art der Auffassung die allein mögliche und selbstverständliche erschien.

The cultured man among friends
Wer, wie ich, Gelegenheit hatte, Reisenauer auch im persönlichen Umgang kennen zu lernen, konnte in ihm nicht nur den großen Pianisten und Musiker, sondern auch den feingebildeten Menschen und glänzenden Gesellschafter bewundern. Wenn er nach einem Konzert im Kreise seiner Freunde bei den Gaben des fröhlichen Gottes Bacchus saß, dem er, in Anlehnung an andere große und viele kleinere Musikanten, ab und zu huldigte, flossen die Bonmots nur so von seinen Lippen. Ein geistreicher Einfall jagte den andern und trotz der enormen Anstrengungen des Konzerts war keine Spur von Abspannung an ihm zu entdecken. So witzig und schlagfertig war er, daß man in steter Spannung war. Er befaßte sich viel mit Philosophie und seine ausgedehnte Kenntnis der Weltliteratur wirkte in gewissem Sinne wieder befruchtend auf seine musikalischen Betätigung ein. Namentlich schätzte er die Dichter der alten Griechen und Römer und zitierte mit Vorliebe seinen Horaz. Wenn er sich in Gebelaune ans Klavier setzte und Straußsche Walzer spielte, vermochte er durch hinreißenden Schwung und loderndes Feuer die Bevorzugten, die er dieses Genusses würdigte, in einem wahren Taumel zu versetzten, um sie gleich darauf durch bestrickenden Schmelz und eine verklärte Zartheit einer Kantilene aus Wölfen wieder zu Lämmern zu verwandeln.

The teacher: Understanding Schumann through E.T.A. Hoffmann
Unvergeßbare Stunden erlebte ich, als er mich einlud, mit ihm zusammen zu studieren. Ich traf ihn schon in früher Morgenstunde am Klavier, die Zigarre im Munde und in Hemdärmeln. Er erzählte mir da wehmütig, daß seine von ihm über alles geliebte Mutter, die der gute Stern seines Lebens gewesen war, eigenhändig ihm seine Hemden gestrickt habe. Auf dem Klavier war gerade Schumanns Kreisleriana aufgeschlagen und wir sprechen längere Zeit über Theodor Amadeus Hoffmann und dessen Buch “Kater Murr”, in dem die Figur des Kapellmeisters Kreisler den Mittelpunkt bildet, die Schumann, der ein begeisterter Anhänger der Hoffmannschen Muse war, zu dem genannten Werk angeregt hat. Auf meine Bemerkung, daß Schumann sich wohl deswegen besonders zu Hoffmann hingezogen fühlte, wie dieser nicht nur Dichter, sondern auch Musiker war und viele seiner Dichtungen mit Musik geradezu durchtränkt seien, sowie daß Schumann und Hoffmann in einem gewissen phantastischen Zug sich träfen, der den Romantikern allen, in besonderer Weise aber gerade diesen beiden eigen wäre, stimmte mir Reisenauer vollständig bei und erklärte die genaue Kenntnis Hoffmanns und vor allem des “Kater Murr” für unumgänglich nothwendig, um die Kreisleriana im Sinn ihres Schöpfers zu spielen. Die Ausdrucksweise und die Ideen der romantischen Dichter, so auch das bei Hoffmann fast stets hereinspielende Doppelgängertum, hätten gerade in dieser Schumannschen Tondichtung einen besonders charakteristischen musikalischen Niederschlag gefunden. Er zergliederte mir das ganze Werk am Klavier, zog die Parallelen zwischen den einzelnen Abschnitten des musikalischen und poetischen Werkes und zeigte, wir treffend die eigenartige Persönlichkeit Kreiselers musikalische geschildert sei. Dann nahm er die Beethovensche Sonate Op. 90, darauf einzelne Stücke aus den Années de pelerinage von Liszt vor, und es war hochinteressant, unter des Künstlers eigener Führung zu sehen, wie er an ein zu studierendes Werk heranging; wie er sich nicht bloß begnügte mit der musikalisch logischen Zergliederung, aus der dann, als besondere Seite seines Könnens, sich der einheitliche Aufbau des Werks ergab, sondern wie er auch den poetischen Gehalt zu ergründen und auszuschöpfen suchte, wozu ihn eine tiefe künstlerische Intuition ganz besonders befähigte.
Nun ist er dahin, herausgerissen aus einem Leben, das im Zenit stand. Eine Welt trauert ihm nach. Sein Denkmal hat er sich selbst errichtet im Herzen derer, die seinem unvergleichlichen Spiel lauschen durften. Sein Name aber gehört der Unsterblichkeit an….

Sight-reading with Liszt and Wagner
…Zum Schluß möge noch eine Anekdote Platz finden, für deren Echtheit sich die freundliche Einsenderin, Frl. Margarete Klinckerfuß in Stuttgart, verbürgt: Reisenauers Primavistaspiel war in Weimar sprichwörtlich; es hieß, er lese die Novitäten, zu deren Entzifferung (oft aus den Manuskripten) er immer von Liszt auserwählt war, “voraus”; er spiele, ehe man umgewendet hatte, weiter. Einen großen Beweis dieser Fähigkeit legte er als ganz junger Künstler vor Richard Wagner ab. Dieser hatte an Liszt nach Rom geschrieben, ihm seinem Schüler nach Neapel zu schicken, um von diesem seine ersten Bleistiftaufzeichnungen des Parsifal auf das Klavier übertragen zu hören. Erst war Wagner enttäuscht, in dem von Liszt so kolossal empfohlenen Künstler einen blutjungen Menschen zu sehen; —dann war er so entzückt, wie Reisenauer sofort prima visa aus der Partiturskizze das Parsifalvorspiel ohne Stockung auf dem Flügel erklingen ließ, daß er mit dem Jüngling in Anerkennung dieser Leistung und “zur Belohnung” die 5. Symphonie von Beethoven vierhändig spielte.

Biography from A. Ehrlich, Berühmte Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart: eine Sammlung von 116 Biographen und 114 Porträts. 2. verm., verb. aufl. (Leipzig: A.H. Payne, 1898):

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